Fuchs (DIE APOKALPYTISCHEN REITER)
M. W.: Ihr seid bekannt für eure exzentrische und verrückte Bühnenshow! Um das Ganze mit einer höflich-diplomatischen Einstiegsfrage zu formulieren: Ein bißchen einen an der waffel habt ihr schon, nicht wahr? Oder um es mit einem Zitat auf eurer Homepage zu sagen: Was hat euch so kaputt gemacht?
F.: Hm, das ist ganz schwierig zu beantworten. Für uns selbst ist es ganz normal, was wir machen. Wir machen uns da gar keine sonderlichen Gedanken darüber. Es gibt keine bestimmten Rituale für das, was wir tun, es ist alles sehr spontan. Wir haben auch noch nie für die Bühne Choreographie geprobt oder so. Gut, vielleicht hat jeder seine eigene Art von Kleidung oder so. Sonst quatschen wir nur alle zusammen ab vor der Show und gehen dann raus. Es findet immer ein Energieaustausch zwischen den Leuten und uns statt.
M. W.: Trotz oder vielleicht gerade wegen eurer Verrücktheit Gratulation zur neuen Platte "Have a nice trip", die ja wirklich toll geworden ist! Seid ihr selbst zufrieden damit, und wie würdet Ihr sie beschreiben?
F.: Zufrieden sind wir auf alle Fälle, es ist eigentlich alles so geworden, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir sind wirklich positiv überrascht worden. Es ist ja immer wieder ein ganz eigener Prozeß und eigentlich hört man es ja erst am Ende, wie ein Song auf CD wirkt.
M. W.: Ihr habt auf jeden Fall eine unglaubliche Produktion, da hat ja Herr Classen ganze Arbeit geleistet. Wie war der Produktionsprozeß für euch?
F.: Im Vergleich zum letzten Mal wars schon ein bißchen spannender, wir kannten den Andi schon und er kannte uns, und so wußte er schon, was auf ihn zukommt. Wir waren im Winter dort, und eben im Herbst/Winter ist es nicht die schönste Zeit dort. Wir hatten schon vor, daß sich die Scheibe eben schon von anderen Platte abheben sollte, wir hatten viele Songs und eine unheimlich positive Meinung. Und es wäre halt schön gewesen, wenn man zu der Zeit im Studio gewesen wäre, wenn draußen die Sonne geschienen hätte und es warm gewesen wäre, so war es halt genau das Gegenteil, es war stockfinster, es war kalt und hat geregnet und Nebel überall. Aber der Andi hat es geschafft, daß er die Stimmung bei uns immer hochgehalten hat. Wir haben uns über die verschiedensten Dinge unterhalten, und das ist einfach mental eine unglaubliche Stütze, wenn man mit einem Produzenten arbeitet, der auch Spaß an der Sache hat.
M. W.: Du zeichnest auch für die Lyrics in verschiedenen Sprachen, u.a. Deutsch, Russisch, Englisch und Spanisch verantwortlich. Ist dieses babylonische Sprachgewirr also das Äquivalent zu der kunterbunten Musik, die ihr da macht? Beherrscht du selbst all diese Sprachen?
F.: Nein, aber die Leute sollen einfach überall etwas von der Reitermania haben, so ist das gedacht. In der Schule haben wir Russisch gelernt, im Osten damals, 5 Jahre lang glaube ich, Spanisch eben deswegen, weil ich jetzt zwei Monate lang in Spanien war, ich habe die Iberische Halbinsel umrundet, war in Gibraltar und Marokko.
M. W.:Wie bezeichnet ihr eigentlich selbst euren Stil, könnt ihr mit dem Begriff "Crossover" etwas anfangen?
F.: Also, die Plattenfirma hat was von "Special Metal" gefaselt. (lacht) Ich weiß nicht, vielleicht "Russian Gay Metal"! (lacht) Nein, Crossover ist vom Begriff her auf alle Fälle zutreffend, auch wenn sich manche Leute mittlerweile darunter etwas ganz anderes vorstellen. Aber es ist im wahrsten Sinne des Wortes Crossover.
M. W.: Welche Bands beeinflussen euch oder haben dies getan?
F.: Keine! Alle! Es ist ja nicht irgendwas Nachgespieltes, nur weils da jetzt einen Death-, einen Thrash- oder einen Black Metal-Part gibt. Ich finde es traurig, wenn sich Leute nur auf eine Sache beschränken. Es gibt im Leben nicht nur den Teufel und es gibt nicht nur Gott, es gibt auch eine Menge dazwischen. Viele Graustufen sozusagen, und so ist auch unsere Musik.
M. W.: Ich finde den Text von "Warum?", wo es um Ideologien geht, sehr interessant. Kannst du das näher beschreiben, seid ihr sehr an Politik interessiert?
F.: Wir sind an sich eigentlich keine politische Band! Jeder bildet sich im Prinzip seine eigene Meinung, und die kann er auch haben. "Warum?" steht im Grunde für das Hinterfragen von Allem: Warum bin ich? Warum bin ich so, wie ich bin? Warum ist es da draußen so, wie es ist? Es ist zur gleichen Zeit auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod, du stehst an deinem Grabe, und es sind auch jene Leute gemeint, die permanent meinen, sie haben etwas verpaßt, das sind halt diese alten Griesgrämer, die sich über alles aufregen, die Zyniker einfach! Die Grundaussage des Textes ist einfach, daß wir alle gehirngewaschen sind, uns wird eingehämmert, was richtig und was falsch ist. Ich würde allen empfehlen, mal hinter die Matrix zu schauen!
M. W.: Wem ist der Song "Du kleiner Wicht" gewidmet?
F.: Och, den hab ich, glaube ich, mir selbst gewidmet. (lacht)
M. W.: Was war der Grund, dich von Eumel in Fuchs umzubenennen? Eumel war nämlich ein klasse Pseudonym. ;-)
F.: Irgendjemand ist da mal zu mir gekommen und hat gesagt, Eumel, das sind doch diese Dinger, die man ausrotzt. (lacht) Tja, es gibt da schon eine tiefere Bedeutung, aber die möchte ich nicht erläutern!
M. W.: Ok, Themenwechsel. Wie siehts aus mit der Tour, wie sind die Rückmeldungen, seid ihr zufrieden damit? Wie ist die Lage in anderen Ländern, wo man euch vielleicht nicht so versteht?
F.: Sehr gut, vor allem jetzt in Frankreich, wo wir ja noch nie gespielt hatten, tolle Publikumsreaktionen, viele Stagediver, selbst in England, wo wir nichts Großes erwartet hatten, da waren wir das erste mal auf dieser Tour Opener, da waren auch die Hallen voll und es war gute Stimmung, das hatten wir so nicht erwartet. Auch das Zusammensein mit all den anderen Bands ist super, grade wir, die wir ja noch relativ neu sind, und haben Bands dabei wie PRO-PAIN oder eben TESTAMENT, die eben schon seit Jahren und Jahrzehnten aktiv sind, das ist für uns auch total spannend, mit solchen Leuten unterwegs zu sein.
M. W.: Mit welchen der Bands versteht ihr euch denn am besten?
F.: Ich sag mal, so mit PRO-PAIN und DARKANE aus Schweden, wir haben so ungefähr ein Level, wir quatschen gerne zusammen, hören gerne Musik und machen auch mal ein bißchen Scheiß so. Aber irgendwann ist es dann wieder gut so, dann dreht auch keiner durch hier drin. Am achten Tag gabs schon ne wilde Spaghettischlacht, da muß es schon total chaotisch ausgesehen haben. Die Merchandiserin, die mit uns mitkam, die ist aus deren Bus in unseren geflüchtet, weil sie gesagt hat, da drüben wird man wahnsinnig! (lacht)
M. W.: Erzähl doch mal die lustigste Geschichte, die ihr mit der Band erlebt habt!
F.: Ui, da fällt mir persönlich eine Geschichte ein, das war am Tag vom "Fuck The Commerce"-Festival. Gleich nach dem Auftritt, der total cool gewesen ist, sind wir halt in den Backstagebereich reingerannt, und da standen ungefähr zwei LKW-Pakete voller Klopapier-Rollen aufgetürmt, und wir sind da einfach reingesprungen, haben alles durcheinandergeworfen und sind da drin einfach völlig durchgedreht. Und später hat unser alter Drummer, der heute nicht mehr dabei ist (warum wohl? :-) d. Verf.), der hat ne volle Mülltonne vom Festivalgelände in diese Backstage-Halle reingeschleppt, wo halt alle untergebracht waren, und diese Tonne aus Blech hat er umgeworfen, seine Hose runtergezogen und gesagt: "Jetzt fick ich dich, du Mülltonne!", woraufhin dann die Security angekommen ist und ihn da rausgezogen hat! (lacht)
M. W.: Wir habens vorher schon angesprochen, ihr kommt aus dem Osten. Wie erklärt sich eigentlich die Tatsache, daß wirklich sämtliche Bands, die in kreativer Hinsicht in Deutschland etwas zu sagen haben, aus dem ehemaligen Osten kommen, z. B. SUBWAY TO SALLY, RAMMSTEIN, usw.?
F.: Hm, keine Ahnung. Wir haben vielleicht eine andere Art, mit Musik umzugehen. Das hat zum Beispiel auch der Andy Classen gesagt, man hört, daß ihr aus dem Osten seid, ihr geht irgendwie anders mit Musik um. Nicht unbedingt im negativen Sinne, einfach anders, ungewöhnlicher vielleicht. Man könnte sagen, nach der Wende ist ja die ganze westliche Musik eingeprasselt auf Ostdeutschland, das waren ja Tausende von Einflüsse, die eben im Westen schon da waren, da ist es dann so, daß man sich dann von überall etwas nimmt. Weil im Osten gabs ne völlig andere Musikkultur als im Westen, zum Beispiel russische Lieder, der urslawische Instinkt, sag ich mal, der so bis zur Grenze der ehemaligen DDR ging, der ist in jedem Ostdeutschen drin, und der verursacht mitunter ganz außergewöhnliche Sachen. Und das ist irgendwo bei allen diesen Bands drin, das rausmöchte. Durch die unterschiedliche Lebensweise, Landschaft, das ist vielleicht ein Ausdruck von innerer Lebensfreude, daß man nun etwas kann, das man vorher nicht konnte. Als ich so 14, 15 Jahre alt war und irgendwer hätte mir gesagt, daß ich mal durch ganz Europa mit dem Bus fahren könne, einfach so, den hätte ich für verrückt erklärt!
M. W.: Gibt es unter euch "Ossi-Bands" einen gewissen Zusammenhalt, kennt ihr euch untereinander gut?
F.: In gewisser Weise schon, zu ein paar veilleicht, aber weil du grade SUBWAY TO SALLY oder RAMMSTEIN angesprochen hast, zu denen eigentlich weniger. Sicher kennen wir sie von dem einen oder anderen Festival oder so, und es gibt gewisse Verbindungen und Kontakte, daß man sich mal eine E-Mail schreibt. Aber ich würde nicht sagen, daß wir uns da gen Osten orientieren, wir kennen auch genügend andere Bands im Hamburg oder im Pott oder so.
M. W.: Habt ihr eine persönliche Lieblingsnummer am neuen Album?
F.: Alle. Sonst hätten wir sie ja nicht geschrieben. Jeder hat halt natürlich seine Favoriten, aber alle stehen voll hinter dem Album, denke ich!
M. W.: Wie seid Ihr denn auf die Idee gekommen, ausgerechnet die "Könige der Peinlichkeit", sprich MANOWAR, zu covern?
F.: (lacht aus vollem Halse) Darüber kann man sicherlich streiten, ob sie nun genial sind oder einfach peinlich. Für mich sind sie irgendwo Comicfiguren, aber sie machen es gut, finde ich. Das muß so sein bei MANOWAR, das reine, unverfälschte Metal-Klischee, wie mans haben will eigentlich. Übrigens war das gar nicht unsere Idee, sondern ein Angebot der Plattenfirma. Es ging um einen Tribute-Sampler für MANOWAR. Die fragten uns, ob wir nicht was machen wollten, und da haben wir gleich zugesagt.
M. W.: Aber ist es nicht ein bißchen keß, wenn man auf ein und dem selben Album eine MANOWAR-Coverversion hat und dann einen Track wie "Das Paradies", wo nicht wenige sagen, das ist eine FANTA VIER-Coverversion?
F.: Das sind einfach die Reiter! Man muß sich eben nur trauen. Das macht einfach den Reiz aus, so etwas zu machen, und scheinbar hat sich bis jetzt keiner getraut. Der Song ist halt sehr textlastig, wir haben das Riff zerschnippselt im Proberaum und verschiedene Beats druntergelegt, so wirkts einfach am besten. Man muß halt nur mal genau zuhören.
M. W.: Eines zeichnet euch ja auf jeden Fall aus: Ihr habt Humor! Das ist ja eigentlich recht selten gesehen in der Metal-Szene, oder?
F.: Ja, haha! Wir sind ja auf Mission, wir wollen ja alle zu besseren Metal-Fans bekehren. Wir haben auch immer unser Weihwasser dabei. (lacht) Es ist einfach anstrengend, immer nur voll böse zu sein. Nimm zum Beispiel MARDUK, die ja mit uns auf Tour sind: Die sind schon große Schwarzbären, sag ich mal. Die nehmen das wirklich ernst, und die machen auch nicht so ´nen Spaß wie beispielsweise DEATH ANGEL. Das ist halt deren Image, das sie immer aufrecht erhalten müssen. Wir dagegen sind so wie wir sind, und wir leben unsere Persönlichkeiten aus, was sehr viel leichter ist.
M. W.: Ihr habt vor zwei Jahren beim "Hell On Earth"-Festival hier in Österreich gespielt. Wie war da euer Eindruck?
F.: Ja das war cool, einfach total geil! Wenn ich nach unseren besten Konzerten gefragt werde, ist das immer ganz oben mit dabei. Das war damals unsere Österreich-Premiere, und die Leute dort haben schon in der Umbau-Pause nur mehr "Reiter, Reiter!" gerufen. Also, das war echt der Hammer und das hab ich seither nie wieder so erlebt. Daß da so eine Akzeptanz schon da war, da mußten wir gar nicht mehr viel dazu tun, damit da ordentlich die Post abging.
M. W.: Könnt ihr eigentlich mittlerweile von eurer Musik leben?
F.: Nicht wirklich. Ich mach das jetzt seit zwei Jahren, und muß immer mal jobben zwischendurch. Ich machte eigentlich alles, was du dir so vorstellen kannst, hauptsächlich Jobs, wo du in kurzer Zeit viel Geld verdienst (äh, und was wäre das zum Beispiel??? - J. S.).
M. W.: Stichwort "Dschinghis Khan". Wieso habt ihr das nicht spontan gespielt, als es die Leute gefordert haben?
F.: Weil wir gesagt haben, wir spielen lieber Eigenkompositionen, die Zeit ist ja auch begrenzt. Wir sind es auch nicht gewohnt, das live zu spielen. Wenn man 30, 40 Songs im Repertoire haben will, bedeutet das auch, jeden Tag zu proben, das geht gar nicht anders, und diese Zeit haben wir einfach nicht. Wenn wir jetzt auf Tour sind, beschränken wir uns nur auf unsere eigenen Songs, die für uns auch selbst viel mehr emotionale Bedeutung haben. Wenn die Leute Fun dran haben, das Lied zu hören, spielen wirs auch, aber eben nur im Rahmen einer vollen Headliner-Tour. Es ist einfach so unheimlich viel zu organisieren bei einer Tour, daß man damit schon voll ausgelastet ist.
M. W.: Vielen Dank für das Interview!
M. W.