Matthew Barlow (ICED EARTH)
3 Jahre nach dem letzten Studio-Album "Something wicked this way comes" melden sich ICED EARTH mit ihrem neuesten Werk, "Horror show", zurück. Sänger Matthew Barlow, meiner Meinung nach einer der 5 besten Metal-Vokalisten, aber leider etwas kurz angebunden und teilweise nicht auf die Fragen eingehend, stand mir auf telefonischem Wege Rede und Antwort.
J. S.: Laß uns zuerst über die zwei neuen Bandmitglieder sprechen, Richard Christy und Steve Di Giorgio. Wie kamen sie in die Band?
M. B.: Richard wurde Jon von Jim Morris vorgestellt. Er hat mit Jon schon bei DEMONS & WIZARDS zusammengearbeitet und mit uns auf dem letzten Wacken Open Air gespielt. Mit Richard kann man wirklich gut zusammenarbeiten, er ist ein sehr netter Kerl und ein großartiger Drummer, wir hatten viel Spaß zusammen.
J. S.: Und was passierte mit Brent und James, ihren Vorgängern?
M. B.: Jimmie wird auf unserer Tour Bass spielen. Und... (stottert) Brent hat die Band schon vor 2 Jahren verlassen...
J. S.: Vor 2 Jahren schon?
M. B.: Ja.
J. S.: Und warum?
M. B.: Persönliche Dinge...
J. S.: Ist Richard ein fixes Bandmitglied oder nur ein Session-Musiker?
M. B.: Richard hat ja noch andere Projekte, z.B. CONTROL DENIED. Ich würde aber sagen, wir sind sicher Priorität für ihn.
J. S.: Wird er auf der Tour spielen?
M. B.: Ja.
J. S.: Bitte erzähl von der Erfahrung, mit solch großartigen und gefragten Musikern zusammenzuarbeiten, wie es Steve und Richard sind.
M. B.: Wie ich schon sagte, war es eine großartige Zusammenarbeit mit Richard. Steve versprach uns, er würde mit uns als Tourmusiker arbeiten, aber das wird jetzt doch nicht passieren. Hm... Ja, das wars.
J. S.: Wie sehr waren die beiden in den Songwriting-Prozess involviert?
M. B.: Gar nicht. Die Songs waren schon vor der Pre-Production fertiggestellt.
J. S.: Ich denke, der ICED EARTH-Sound hat aufgrund dieser zwei Bandmitglieder sowas wie eine neue Dimension bekommen, ihr klingt jetzt ein wenig komplexer, abwechslungsreicher, fast sogar ein bißchen "progressiv". Wie siehst du das?
M. B.: Naja, die Songs wurden alle von Jon geschrieben. Ich kann deinen Gedankengang nachvollziehen, aber wie gesagt waren die Songs schon vor der Pre-Production fertig. Sicherlich kommt Richards Stil durch, seine Beckenarbeit... Aber wie "technisch" die Songs geworden sind, lag letztendlich eindeutig bei Jon.
J. S.: Worin liegt deiner Meinung nach der Unterschied zwischen "Something..." und "Horror show"?
M. B.: Wir versuchen auf jedem Album, neue Sachen auszuprobieren. Und Jon hat da wieder sehr gute Arbeit geleistet. Einige Leute sagen, das neue Album geht wieder ein wenig mehr zurück zu den ersten paar Alben, als es die letzten Scheiben taten. Ja, und ich kann mit dieser Meinung leben.
J. S.: Wieso habt ihr euch für dieses "Horror-Konzept" entschieden?
M. B.: Diese Idee hatten wir schon vor einigen Jahren. Damals dachten wir allerdings nur daran, eine EP oder sowas zu veröffentlichen, 5 Songs oder so, die auf den 5 "prominentesten" Horror-Charakteren basieren. Ja, und jetzt haben wir festgestellt, daß das eine coole Sache ist und da wir die Zeit und die Möglichkeit hatten, machten wir gleich ein ganzes Album daraus.
J. S.: Das war also von Anfang an geplant?
M. B.: Ja.
J. S.: Laß uns über ein paar spezielle Songs des neuen Albums sprechen. Wer hat die tiefen Parts von "Frankenstein" eingesungen?
M. B.: Oh, das war Jon!
J. S.: Das habe ich mir schon gedacht...
M. B.: Yeah, man hört den Unterschied und das ist wirklich cool geworden, der Song hat dadurch fast eine neue Dimension bekommen, mehr Tiefgang...
J. S.: ...und ich denke, "Dracula" klingt sehr nach BLIND GUARDIAN, speziell der Refrain...
M. B.: Wie du vielleicht weißt, haben wir da mit einem Chor aus - laß mich überlegen - 8 Leuten gearbeitet, inklusive mir, Jon und Jim (Morris, Produzent - d. Verf.) sowie der Dame, die auf "The phantom opera ghost" gesungen hat, sowie ein paar andere. Wie gesagt, wir haben das noch nie getan und es war sowas wie eine neue Dimension für uns.
J. S.: Äh, ich habe manchmal den Eindruck, Hansi Kürsch hätte da ein paar Gesangslinien beigesteuert; stimmt das oder liege ich falsch?
M. B.: Nein, das ist falsch.
J. S.: Kannst du dich eigentlich mit einem dieser "Horror-Charaktere" identifizieren?
M. B.: Ja... Sicherlich... Ich denke, das können die meisten Leute, überhaupt mit solchen Sachen wie Dracula oder Frankenstein. Klar können sich die Leute damit identifizieren, denn ansonsten wären diese Geschichten nie zu so einem Teil unserer Kultur geworden.
J. S.: Und was ist mit dir? Kannst du dich mit irgendeinem speziellen dieser Charaktere identifizieren?
M. B.: Ja, die "Dracula"-Story habe ich schon immer geliebt!
J. S.: Laß uns über euren Vertrag mit Century Media sprechen, denn der läuft ja bald aus. Habt ihr schon Angebote von anderen Labels oder werdet ihr bei CM bleiben?
M. B.: Nein, das kann ich ausschließen, bei CM werden wir sicher nicht bleiben.
J. S.: Dieser 3-jährige zeitliche Abstand zwischen den letzten beiden Alben, war das so geplant oder gab es unvorhergesehene Verzögerungen?
M. B.: Nein, die gab es nicht. Wie du weißt, hat Jon mit DEMONS & WIZARDS ein Album aufgenommen und war auch sonst sehr beschäftigt. Wir haben ein Live-Album aufgenommen... Du siehst, in diesen 3 Jahren ist also immer etwas passiert.
J. S.: Wäre "Horror show" früher erschienen, wenn DEMONS & WIZARDS und das Live-Album nicht gewesen wären?
M. B.: Ja, ganz sicher. Aber wir wollten dieses Live-Album schon seit langer Zeit machen, und es war einfach die richtige Zeit dafür. Genauso wie für DEMONS & WIZARDS, denn Hansi und Jon hatten ja schon vor Jahren vereinbart, gemeinsam etwas zu machen. BLIND GUARDIAN und ICED EARTH, das sind beides vielbeschäftigte Bands, aber Hansi und Jon haben sich die Zeit einfach genommen.
J. S.: Was sagst du eigentlich generell zu dieser "Mode", heutzutage jedes Jahr ein neues Album zu veröffentlichen?
M. B.: Ich habe da eigentlich nichts dagegen. Viele Bands machen das, viele Bands brauchen das sogar.
J. S.: Glaubst du nicht, die Kreativität könnte darunter leiden?
M. B.: Naja, ich denke, bei manchen Bands nicht, bei manchen schon. Vor allem, wenn Bands versuchen, auf die Schnelle was zu veröffentlichen - dann ganz sicher.
J. S.: Und auf ICED EARTH bezogen?
M. B.: Also, die Musik würde darunter ganz sicher nicht leiden. Das würden wir unseren Fans nicht antun.
J. S.: Laß uns über die anstehende Europa-Tour sprechen, die im Herbst stattfinden wird. Sind die Support-Bands schon fixiert?
M. B.: Wir spielen gerade mit dem Gedanken, überhaupt keinen Support mitzunehmen und stattdessen eine längere Show zu spielen.
J. S.: So wie das MANOWAR vor ein paar Jahren taten?
M. B.: Oh, ich habe nicht gewußt, daß MANOWAR das taten, es ist aber cool...
J. S.: Ja, die spielten pro Abend 3 bis 4 Stunden...
M. B.: (erstaunt) Ja, das ist eine lange Show...!
J. S.: Werdet ihr das auch so machen?
M. B.: Ja, wir werden definitiv eine längere Show spielen.
J. S.: Was können wir von der Setlist erwarten?
M. B.: Das kann ich noch nicht sagen, wir haben da aber einige Ideen.
J. S.: Ich frag das, weil ihr ja mittlerweile einen Haufen Songs zur Auswahl habt...
M. B.: Ja, das ist wahr, mittlerweile sind es ein ganzer Haufen, das haben wir ja schon auf "Alive in Athens" demonstriert. (lacht)
J. S.: Wie siehts mit Songs von "Burnt offerings" aus? In den letzten Jahren habt ihr nicht viele davon gespielt...
M. B.: Ich denke, dieses Album ist nicht so populär wie die anderen und wir wollen immer das spielen, was die Fans hören wollen, ja, und das war eben nicht so eine beliebte Scheibe unter den Fans.
J. S.: Wirklich?
M. B.: Ja, die Zahlen lügen nicht... (lacht) Daß z.B. "Dantes inferno" ein sehr beliebter Song ist, ist mir schon klar, aber dieser Song ist gleichzeitig einer, der sehr schwer live zu spielen ist.
J. S.: Dann möchte ich anmerken, daß ich den Eindruck habe, daß "Burnt offerings", der Titelsong, hier bei uns sehr beliebt ist.
M. B.: Wirklich? Cool! Ja, ich kann nur sagen, daß wir, wenn es um die Setlist einer Tour geht, sehr wohl an das Gesamtbild denken.
J. S.: Und wie gehts Jon´s Genick?
M. B.: Sehr gut!
J. S.: Wirds auf Tour keine Probleme geben?
M. B.: Ich denke nicht, denn ihm wurde da ein Knochenteil implantiert. Nein, da sollte es keine Probleme geben.
J. S.: Sind ICED EARTH eine demokratische Band?
M. B.: Nein.
J. S.: Also kann man schon sagen, daß Jon sowas wie der "Chef" ist?
M. B.: Absolut. Ich finde, Demokratie funktioniert üblicherweise nicht besonders gut in Bands...
J. S.: Und wie kannst du mit Jon´s Position leben?
M. B.: Das ist o.k. so, denn Jon lädt sich da nämlich einen Haufen Verantwortung auf. Und ich weiß genau um meine Position in der Band, denn sonst wäre ich nie eingestiegen.
J. S.: Letzte Frage - was ist dein ICED EARTH-Lieblingssong?
M. B.: (lacht) Mein Lieblingssong... Das ist eine harte Frage, Mann... Laß es mich so sagen, es sind schon verdammt viele Songs und mein Favorit ist eigentlich immer das neue Album. Und von diesem ist "Dracula" mein Favorit. Ich stehe total auf den Song und auf den Charakteur...
J. S.: Und von den alten Album, vor deiner Zeit?
M. B.: Ja, auf jeden Fall "Angels holocaust"! Und "Stormrider".
Danke für das Interview! - J. S.