Dallas Tolar-Wade (NILE)
Nach ihrem Wien-Gig unterhielt ich mich mit Gitarrist/Sänger Dallas Tolar-Wade über dies und jenes, was für NILE-Fans interessant sein könnte.
E. M. P.: Zuerst einmal Gratulation zu dieser großartigen Show heute Abend. Soweit ich informiert bin, bist du mittlerweile seit drei Jahre bei NILE?
D. T. W.: Ja, ich stieg bei NILE, noch bevor das "Amongst the catacombs of Nephren-Ka"-Album über Relapse veröffentlicht wurde, ein. Karl, Pete und Chief waren gerade mit dem Rough Mix von "...Nephren-Ka" beschäftigt und deren zweiter Gitarrist John Ehlers, der am "Ramses bringer of war"-Digipack tätig war, übrigens ein sehr talentierter Gitarrist, dessen Stil aber nicht richtig mit dem, was sich die anderen vorstellten, übereinstimmte, stieg aus. "...Nephren-Ka" hätte übrigens ursprünglich auf einem kleinen Label, Visual Productions, veröffentlicht werden sollen. Der Typ, der das Label machte, hatte nebenbei noch seine eigene Band und war auf dem Collage und wirklich Ahnung dürfte er von dem ganzen Business auch nicht gehabt haben. Jedenfalls bekamen wir einige Zeit später einen Brief von Relapse Records, in dem sie ihr Interesse an uns bekundeten und im April 1998 wurde es dann endlich veröffentlicht. Jedenfalls hatte ich dadurch genügend Zeit, um mich mit dem Material vertraut zu machen.
E. M. P.: Wie ich gesehen habe, gibt es bei NILE einen neuen Schlagzeuger, Tony von ANGEL CORPSE. Ist er eigentlich nur sessionweise dabei oder ist er neuerdings ein fixes Mitglied? Eine weitere Frage in diesem Zusammenhang wäre noch, was mit Pete los ist, wird er in Zukunft den Drummerposten wieder aufnehmen?
D. T. W.: Pete hat nach wie vor ziemlich schwere Probleme mit seinem Arm, es ist übrigens eine Verletzung, die sonst eigentlich nur bei Baseballspielern vorkommt, und durch das Touren ist es immer schlechter geworden. Er ist sicher noch immer ein guter Schlagzeuger, aber mittlerweile kann er aufgrund dieses Leidens nicht mehr diese Geschwindigkeit spielen, ohne daß dies mit starken Schmerzen verbunden wäre. Wir waren wirklich traurig, als er uns klarmachte, daß er nicht mehr weitermachen könnte, dieser Typ ist einfach zu 100 Prozent Metal, er hat einfach alles in die Band gesteckt und dann so etwas. Es ist wirklich sehr traurig für uns alle. Jedenfalls konnten wir dann Derik Roddy für den Großteil der Aufnahmen von "Black seeds of vengeance" gewinnen. Derik spielte mit Ausnahme von "To dream of Ur", das Pete einspielte, alles ein. Derik Roddy ist einfach unglaublich, er kam in das Studio und machte das ganze verdammte Album in vier Tagen. Während einer Pause nahm er meine Gitarre und spielte ein wenig herum, er ist nicht nur ein großartiger Drummer, er ist auch ein sehr guter Gitarrist. Er empfahl uns Tony und meinte, daß er einer der wenigen Schlagzeuger ist, die dieses Material erspielen könnten. Die meisten von denen haben Bands, aber Tonys vorherige Band ANGEL CORPSE hatte sich gerade aufgelöst und so ergab sich das ganze und wir spielten mit ihm schon unsere letzte Tour.
E. M. P.: Ist Tony eigentlich jetzt ein festes Mitglied von NILE?
D. T. W.: Ich kann nicht wirklich für ihn sprechen, ob er ein Mitglied von uns sein will, hängt ganz von ihm alleine ab. Genaueres kann ich darüber eigentlich nicht sagen, es wäre unfair Tony und den anderen Mitgliedern gegenüber. Wir sind jedenfalls vollkommen glücklich mit dem, was er macht.
E. M. P.: Auf der Bühne war auf Karls Seite eine ganze Menge technischer Sachen und ein Laptop zu finden. Kommen vom Laptop eigentlich die Samples?
D. T. W.: Ja, das ist ein lustige Geschichte, weil das erste Mal, als wir in Europa, auf der SIX FEED UNDER-Tour, spielten, hatten wir ein 24-fächriges-Rack mit den Samplern, einen normalen PC mit einem Monitor und dem ganzen Drumherum. Es war wirklich sehr teuer. Jedenfalls entschlossen wir uns, anstatt jedes mal wenn wir nach Europa kommen, das ganze Zeug mitzuschleppen, einen Laptop, auf dem genug Speicher vorhanden und der auch schnell genug ist, zu kaufen und die ganzen Sampler zu Hause zu lassen. Neben den Effekten aus dem Laptop spielt Karl ziemlich viele mit seinem Gitarrensynthesizer, so spielt er zum Beispiel bei "Ramses..." die Hörner mit der Gitarre, und ich hab den Funpart über, hahaha. Wenn ich auch einen Synthesizer hätte, glaube ich würde ich auch diesen Part bevorzugen. Ich mag den einfach, hahaha.
E. M. P.: Themenwechsel, wie lang spielst du eigentlich schon Gitarre?
D. T. W.: Ich spiele mittlerweile seit zwölf Jahren Gitarre. Die größten Fortschritte habe ich in den ersten fünf Jahren gemacht und danach kam mit der Zeit das Songwriting und die eigene Kreativität. Wenn du eine Gitarre nimmst, hast du zwischen drei und fünf Jahren den größten Auftrieb in deiner Entwicklung. Ich habe jedenfalls schon, nachdem ich gerade zwei Jahre spielte, begonnen in Bands zu spielen, es war einfach Zeit, mit anderen Typen das gleiche zu machen. Die erste Band, bei der es dann wirklich ernst war, waren für mich NILE. Sie waren einfach ehrlich mit ihrer Musik und hatten gerade den Vertrag bei dieser großen Plattenfirma unterzeichnet. Sie waren permanent beim Songwriting und Proben, haben Shows gehabt, genau das war es, was ich gebraucht habe. Jedenfalls war der Deal mit Relapse nicht ausschlaggebend für mich. Wenn wir jetzt noch immer ohne Vertrag dastehen würden, wäre ich trotzdem in der Band.
E. M. P.: Gibt es eigentlich mittlerweile schon neue Songs für das nächste Album?
D. T. W.: Wir haben einige Ideen, an denen wir gerade arbeiten, es ist allerdings noch nichts fertig. Aber wir haben schon einen Haufen Stoff dafür, und wir werden auch an Stücken, die übriggeblieben sind, weiterarbeiten. Hoffentlich können wir das Album das nächste Mal toppen.
E. M. P.: Werden dann auch mehr Stücke von dir sein?
D. T. W.: Ja, ich habe ein paar, an denen ich gerade arbeite, aber ich hoffe, daß sie nicht wirklich notwendig sind, Karl macht einen großartigen Job. Wahrscheinlich wird es in Zukunft aber auch mehr Zusammenarbeit geben, so daß es dann auch Songs gibt, bei denen dann "written by Sanders/Tolar-Wade" steht. Eine Nummer ist es, an der ich gerade arbeite, bei der Karl den Text verfaßt.
E. M. P.: Wie zum Beispiel "Multitude of foes"?
D. T. W.: Bei "Multitude of foes" habe ich sowohl den Text als auch die Musik geschrieben. Es handelt von der großen Schlacht zwischen Ramses und den Hittiten. Ich habe die Informationen dazu aus einem Buch, das "Ramses the great" heißt, übrigens ein sehr interessantes Buch. Das ist ein Teil im Song, der mich daran erinnert, in der Wüste mit all den enthaupteten Toten, denen die Hände abgehackt wurden, um sie zu zählen, leblose Körper und der Gestank des Todes, schreiend zu stehen. Das muß für die wenigen Überlebenden sehr erschreckend gewesen sein.
E. M. P.: Warst du eigentlich schon bevor du bei NILE angefangen hast, an der altägyptischen Mythologie interessiert?
D. T. W.: Ein bißchen, es ist lustig, denn in den ersten Bands, die ich gründete, befaßten wir uns mit der griechischen Mythologie, der Name einer Band war THEKALIAN. Was bei uns, als ich bei NILE einstieg, der gemeinsame Nenner war, ist eben unser gemeinsames Interesse in alte Mythologien. Die ägyptische Mythologie ist auf jeden Fall weitaus brutaler, es gibt schon einige recht brutale Sachen in der griechischen Mythologie, aber die Ägypter waren wirklich verrückt, und Ägypten ist noch immer kein wirklich sicherer Ort, hahaha, du weißt was ich meine...
E. M. P.: Vor allem für Metalfans...
D. T. W.: Ja, ich habe einige schlimme Geschichten gehört. Wir würden wirklich gerne in Ägypten spielen, aber uns wurde gesagt, daß wenn wir dort spielen, unsere Köpfe verlieren würden. Wir widmen mit unseren Texten gewissermaßen etwas diesem Land, sind aber nicht pro-ägyptisch eingestellt. Wir sind einfach an der ganzen Thematik interessiert. Man sollte gegenüber allen Kulturen Respekt haben, wohin sie auch immer führen. Es gibt viele Monumente, die von den Nomaden zerstört wurden, viel Blutzoll, von dem "Black seeds..." vor allem handelt. Es dreht sich alles um Respekt dem anderen gegenüber. Die verstehen das aber nicht, für die sind wir einfach nur irgendeine Metal-Band.
E. M. P.: Und dort wird man bekanntlich als Metaller automatisch zum Satanisten...
D. T. W.: Wir wurden in unserer Heimatstadt auch als Satanisten bezeichnet, das ist einfach unglaublich engstirnig und blöd, denn alles, was sich in unseren Texten abspielt, ist vorchristlich. Satan und Christ und der ganze Scheiß, so wie es Karl zu sagen pflegt, ist so auf "like a Johnny come lately". Das Ganze, wovon unsere Texte handeln, war lange davor, außerdem appellieren wir an niemanden, irgendjemandem zu folgen, wir interessieren uns einfach dafür. Wir denken einfach, daß sich darin einige sehr gute Themen und Inhalte für eine Death Metal-Band befinden.
E. M. P.: MORBID ANGEL haben ja auf dem "Formulas fatal to the flesh"-Album ebenfalls eine Mythologie aus dieser Zeit angeschnitten...
D. T. W.: Ja, auf jeden Fall. Vor allem die Phonetik dieser Wörter in diesen alten Sprachen klingt um einiges brutaler, als es in der englischen Sprache je wäre, die englische Sprache hört sich teilweise ziemlich soft an. Die Phonetik dieser Sprachen, aber auch des Deutschen, sind gewissermaßen bedrückend, es klingt sehr brutal.
E. M. P.: Wieder Themenwechsel, in was für einem Alter bewegen sich eigentlich die Mitglieder von NILE?
D. T. W.: Ich bin mit 26 der Jüngste. Chief ist so um die 30, 31, Karl ist 37 und Tony ist glaube ich 28. Aber im Grunde ist es egal, solange man fit genug ist, schau dir Ozzy an, der ist über 50 und noch immer auf der Bühne, trotz all seiner Süchte.
E. M. P.: Was sind eigentlich deine Haupteinflüsse?
D. T. W.: Ich habe haufenweise Einflüsse, angefangen von altem Rock'n'Roll wie etwa URIAH HEEP und RUSH, sicherlich auch LED ZEPPELIN, aber die wurden mir eigentlich zuviel im Radio gespielt, sodaß ich sie eigentlich nicht mehr hören kann. BLACK SABBATH, die alten ALICE COOPER-Scheiben, neulich kam ich auf CAPTAIN BEYOND, Hard Age Rock'n'Roll, Zeug wie das eben. Thrash wie FORBIDDEN, SANCTUARY, Speed Metal wie SLAYER, DARK ANGEL und im Death Metal mag ich vor allem BOLT THROWER, das, was die produzieren, ist einfach Killer War Death Metal, sie haben mich damals wirklich sehr bewegt mit ihren Sound, MORBID ANGEL ist sowieso großartig, die SUFFOCATION-Scheiben höre ich mir noch immer sehr gerne an. Und da gibt es auch einige neuere Bands wie etwa KRISIUN, die wirklich atemberaubend sind. Wir haben übrigens mit KRISIUN, THE CROWN und CANNIBAL CORPSE unsere U.S.-Tour absolviert. Sie haben eigentlich immer die Nächte durchgemacht und ordentlich gesoffen, sie sind einfach Barbaren, true Metal Warriors, einfach unglaublich. Ebenso THE CROWN, die haben mich wirklich beeindruckt, sie haben jeden Abend eine wirklich professionelle, tighte Show abgezogen und sind wirklich coole Typen zum Herumhängen. CANNIBAL CORPSE sowieso, die sind immer großartig, Alex Webster is the man.
E. M. P.: So wie Moysés an der Gitarre...
D. T. W.: Moysés ist unglaublich, er ist wahrscheinlich der schnellste Gitarrist aller Zeiten. Seine rechte Hand ist einfach unglaublich, aber er ist auch physisch extrem stark. Und dann auf jeden Fall noch CRYPTOPSY, wir sind gemeinsam durch die Staaten getourt, und danach in Europa mit SIX FEED UNDER, VADER, ENSLAVED und THYRFING. Die Shows waren aber eigentlich nach VADER zu Ende. SIX FEED UNDER sind zwar ganz gut, aber ich würde sie nicht als Death Metal-Band klassifizieren. Sie sind mehr eine straighte Metal-Band mit Death Metal-Gesang. Chris ist noch immer ein großartiger Sänger, aber bei CANNIBAL CORPSE hat er mir besser gefallen. Allerdings finde ich, daß Corpsegrinder eher der Sänger ist, den CANNIBAL CORPSE brauchen, er ist einfach brutal, er vermittelt pure Energie, ist ein toller Frontman. Wir haben jeden Abend gemeinsam getrunken, es sind überhaupt alle sehr coole Typen. Ich würde sagen ich habe schon einige Death Metal-Einflüsse, aber der Großteil der Strukturen und des Songwritings kommt bei mir eher aus dem Progressive Rock. Mit ungewöhnlichen Takten, sodaß man wirklich etwas in den epischen Stücken verspürt.
E. M. P.: Wie war eigentlich die Tour bisher?
D. T. W.: Bis jetzt läufts ganz gut. Es ist immerhin unsere erste Headliner-Tour in Europa. Und auf der ersten Headliner-Tour kannst du entweder gewinnen oder fallen. Ich bin sehr glücklich, wie es bisher gelaufen ist. Nach den Shows sind Fans auf mich zugekommen und haben sich bei mir für den Auftritt bedankt und das einzige, was ich darauf antworten kann, ist, daß ich mich bei den Fans zu bedanken habe. Generell sind in der Metalszene ziemlich viele Leute mit Intellekt, mit denen man gute Konversationen führen kann, auf der ganzen Welt. Du kannst sie eigentlich jeden Tag finden, du betrittst einen Raum und da sind lauter Leute, die auf Metal scharf sind, es macht keinen Unterschied aus, du sprichst gewissermaßen die gleiche Sprache, du hast etwas mit ihnen gemeinsam. Einfach die Gedanken, die die Leute über ihren Weg haben. Ich habe viele gesehen, aus vielen verschiedenen Kulturen. Jedenfalls, ich glaube, ich bin betrunken an einem Tisch auf der VADER-Tour mit den anderen gesessen und habe angefangen, daß alle Metalheads von der ganzen Welt zusammentreffen und die Welt erobern sollten, hahaha.
E. M. P.: Wie ist eigentlich der Kontakt zu den anderen Bands auf dieser Tour?
D. T. W.: Die THE HAUNTED-Typen sind wirklich cool, sehr talentierte Musiker, gute Songwriter.
E. M. P.: Mit ehemaligen AT THE GATES Mitgliedern...
D. T. W.: Deren Zeug war auf jeden Fall auch sehr gut. Sie sind wirklich cool und wir haben eine Menge Spaß miteinander. Auch die anderen Bands, CARNAL FORGE und THE FORSAKEN finde ich ziemlich gut, wobei mir THE FORSAKEN eine Spur besser gefallen, sie sind melodischer und auf jeden Fall mehr Metal, das ist eben meine Meinung. Ich würde aber auf keinen Fall anfangen, daß die eine Band besser ist als die andere, mir gefallen THE FORSAKEN eben etwas besser. Beide Bands sind gut und haben auf jeden Fall Zukunft in der Metalszene, sie müssen halt ihr Line Up zusammenhalten und nicht drauf scheißen, vor allem müssen sie aber Metal bleiben.
E. M. P.: Als das Interview eigentlich schon fast vorüber war, erzählte ich Dallas noch, daß am nächsten Tag MALEVOLENT CREATION hier spielen würden...
D. T. W.: Das wird auch eine gute Show werden. In Belgien hatten wir einen Tag frei und besuchten das MALEVOLENT CREATION/HATE PLOW-Konzert. Sie waren so gut wie immer...
E. M. P.: Mit Dave Culross am Schlagzeug...
D. T. W.: Ein unglaublicher Typ. Jeden Abend zwei Shows, aber es scheint ihm überhaupt nichts auszumachen, er ist körperlich so solid wie ein Felsen. Er ist der kräftigste und fähigste Drummer, den ich jemals in diesem Musikstil gehört habe. Seine Blastbeats sind so artikuliert, seine Double Bass rennt die ganze Zeit, er ist auf jeden Fall einer der besten.
Danke für das Interview! - E. M. P.