Mikael Akerfeldt (OPETH)
Es grenzt schon fast an ein Wunder, daß es die Schweden OPETH bei ihrem einzigen Österreich-Gig nach Graz verschlagen hat. "Extreme Progressive Metal" war zu erwarten, und erfreulich viel Publikum hatte es ins Orpheum gezogen, was ich mir zumindest zum Teil damit erkläre, daß die Leute nach Monaten unerträglicher "Starmania"-Tortur endlich einmal wieder ehrlicher, vernünftiger und einfach nur sauguter Musik lauschen wollten.
Res.: Erstmal herzlich willkommen hier in Österreich! Seid ihr eigentlich das erste Mal hier?
M. A.: Nein, das zweite Mal, nachdem wir schon 1996 im Vorprogramm von CRADLE OF FILTH in Wien gespielt hatten.
Res.: Laßt uns doch gleich mal über euer neues Album "Deliverance" sprechen!
M. A.: Ja, das ist in der Tat noch sehr neu! Es ist im Grunde ziemlich aggressiv, deswegen haben wir gleich noch ein zweites Album aufgenommen, genannt "Damnation", das den ruhigen Gegenpol dazu darstellt. Diese Scheibe wird voraussichtlich im Mai 2003 herausgebracht.
Res.: Mikael, was ist deiner Meinung nach der wesentliche Hauptunterschied zwischen dem Vorgängeralbum "Blackwater park" und dem aktuellen Werk?
M. A.: Ich denke, "Blackwater park" war viel melodiöser und hatte diese speziellen Hooks, während "Deliverance" weit unkommerzieller, härter und auch Death Metal-lastiger ausgefallen ist.
Res.: Benutzt du eigentlich spezielle Vocal-Techniken? Der Gesang ist meiner Meinung nach doch ziemlich weit gefächert, es ist kaum zu glauben, daß ein einziger Sänger das alles eingesungen hat!
M. A.: Nein, das nicht. Ich habe seit meiner ersten Band in den 80ern dieselbe Gesangs-Technik, und da haben wir nur Death- und Thrash Metal gespielt. Bei "Eruption", meiner allerersten Band, haben wir vor allem Old School-Death gespielt, sehr simpel und fast schon mit Punk-Riffs. Easy shit, haha!
Res.: Was ich wirklich an euch bewundere, ist euer einzigartiger Sound, der euch ziemlich unverwechselbar macht. Kann man OPETH denn überhaupt mit anderen Bands vergleichen und welche wären das deiner Meinung nach?
M. A.: Hm, ich finde das ist wirklich schwer zu beurteilen. Du hast schon recht, wir sind kaum mit anderen Bands zu vergleichen. Im Moment aber mag ich die Musik unserer Support-Band MADDER MORTEM, dann natürlich PORCUPINE TREE, die einen großen Einfluß auf uns hatten, und MORBID ANGEL, die Kings of Death. Wir versuchen auch, die Rock-Einflüsse der 60er und 70er, darunter auch psychedelische Sachen, mit dem harten Metal-Sound der heutigen Zeit zu verbinden.
Res.: Wenn man sich dieses doch sehr breite musikalische Spektrum ansieht, wie weit fühlst du dich denn mit der Metal-Szene verbunden?
M. A.: Ich bin eigentlich gar nicht so sehr in diese sogenannte Metal-Szene involviert und ich verfolge auch gar nicht allzu intensiv, was heutzutage so alles veröffentlicht wird. Wir sind natürlich in ständigem Kontakt mit diversen Labels, sodaß wir von Zeit zu Zeit mit Promo-CDs versorgt werden. So verliere ich nicht ganz den Überblick über die Szene. Es gibt schon ganz gute Bands, vor allem in unserer Heimat Schweden, das ist ja bekannt, daß die allesamt ein sehr gutes Niveau zu bieten haben.
Res.: Woher nimmst du deine musikalische Inspiration? Wenn man sich eure Alben anhört, könnte man meinen, ihr seid vom Jazz beeinflußt worden.
M. A.: Ja, das höre ich manchmal, und ich denke, auch die anderen Mitglieder in der Band sind bis zu einem gewissen Teil von Jazz beeinflußt worden. Wie ich schon sagte, mag ich diese Rock-Bands der 60er und 70er sehr gerne, und diese wiederum haben ihre Wurzeln teilweise schon auch im Jazz. Ich finde, es hievt die Musik von OPETH auf eine noch höhere Stufe.
Res.: Wenn ihr Songs schreibt, werdet ihr da eigentlich von kommerziellen Gedanken geleitet oder verlaßt ihr euch da ganz auf euer Gefühl?
M. A.: Ich lasse mich ganz von meinen Gefühlen und Gedanken leiten. Weißt du, wir waren niemals eine kommerzielle Band und werden es auch nie sein, wir hatten auch noch nie einen sogenannten Hit. Natürlich wäre es nicht schlecht, auch mal Geld mit der Musik zu verdienen, aber ich denke, es sollte immer der Song an sich im Vordergrund stehen und es sollte vor allem immer ehrlich gemeint sein. Kommerz verdirbt das meistens. Wenn du dir nur mal die BEATLES ansiehst, in den späten 60ern waren sie da die Meister. Sie verstanden es, großartige Songs für die Masse zu schreiben und damit auch noch viel Kohle zu verdienen. Vermutlich wird uns das mit unseren Songs, die doch eine Länge von bis zu 20 Minuten aufweisen, nie gelingen. (lacht)
Res.: Wie ist das auf der Bühne, spielt ihr diese langen Songs genauso gerne oder bevorzugt ihr die kürzeren Nummern?
M. A.: Nun, im Grunde haben wir eigentlich gar keine kurzen Songs. Einer davon, den wir auch live spielen, wäre zum Beispiel "Demon of the fall". Es ist leicht für uns, denn auf unserer Setlist befinden sich dann im Endeffekt vielleicht 9 - 10 Songs, und mit denen kommen wir auch auf die erforderliche Länge eines Konzerts.
Res.: Ihr seid gerade dabei, eine recht umfangreiche Tour zu absolvieren, und werdet dabei auch nach Australien und in die Staaten kommen, nicht wahr?
M. A.: Ja, darauf freuen wir uns schon, wir werden 2 Wochen lang in Australien unterwegs sein! Auch Amerika wird sicher wieder toll!
Res.: Beschreib doch mal bitte den Songwriting-Prozeß bei OPETH, sind alle Mitglieder gleichermaßen daran beteiligt oder wer ist eigentlich der Chef?
M. A.: Jeder beiteiligt sich dran. Bei uns ist es so, daß wir nicht viel proben. Ich für meinen Teil mache Demos und einzelne Teile der Songs, wir treffen uns danach im Studio, hören uns alles an und jeder Einzelne bringt seine Ideen und Vorschläge ein. Im Studio ist es natürlich viel einfacher, gleich alles in die Tat umzusetzen. Das ist die Methode, die wir seit dem "Still life"-Album praktizieren. Für die ersten zwei Alben arbeitete ich zusammen mit Peter alle diese "Twin-Harmonies" aus. Als sich damals unser Line-up änderte und wir Martin Lopez und Martin Mendez in die Band holten, änderte sich auch der Sound, da der neue Drummer um einiges härter und direkter spielte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Schnauze voll von dem ganzen melodischen Kram. Ausserdem paßte das auch viel besser zum neuen Material.
Res.: Mikael, du bist ja neben OPETH auch noch bei BLOODBATH involviert. Wie läuft es da?
M. A.: Gut, wir haben schon unsere CD "Resurrection through carnage" herausgebracht, ein pures Death Metal-Album, nicht mehr und nicht weniger.
Res.: Was war damals der Grund, weshalb ihr euer Label gewechselt habt?
M. A.: Wir fühlten uns bei Peaceville nicht mehr so richtig wohl und entschlossen uns dazu, zu Music For Nations zu wechseln. Es ist das perfekte Label für uns, wir fühlen uns dort sehr gut aufgehoben. Es stimmt alles bei ihnen. Seit wir bei ihnen unter Vertrag sind, machen wir Touren als Headliner, die Promotion ist großartig und wir verkaufen viel mehr Alben als vorher. Ich denke, von "Blackwater park" haben wir bisher wohl an die 30.000 Stück verkauft. Man kann das aber nicht als kommerziell bezeichnen, denn die Musik als solche ist das ja keineswegs. Es ist immer noch ein Unterschied.
Res.: Das heißt aber nicht, daß ihr nicht auch groß und berühmt werden wollt, oder?
M. A.: Natürlich nicht, wir wollen die größte Band der Welt werden! (lacht) Nein, im Ernst - wir machen Musik in erster Linie nur für uns. Obwohl wir unsere Fans lieben, kümmern wir uns nicht um deren Meinung, was das angeht. Mit dieser Einstellung sind wir immer schon ganz gut gefahren; ich meine, zuerst nur an uns zu denken. Es ist aber ein ganz netter Nebeneffekt, daß es den Leuten zu gefallen scheint!
Res.: Was sind denn momentan deine Lieblings-Bands? Was hörst du gerne?
M. A.: (denkt lange nach) KATATONIA, PORCUPINE TREE, MADDER MORTEM, Stevie Wonder... ich weiß nicht, es ist unmöglich, alle zu nennen. Ich höre mir so viele verschiedene Sachen an, weißt du.
Res.: Magst du lieber CDs oder Vinyl?
M. A.: Also ich persönlich stehe immer noch total auf Vinyl, ich kaufe mir hauptsächlich Platten. Ich mag CDs irgendwie nicht, aber neuere Sachen bekommt man ausschließlich auf CD, was ich schade finde. Ach ja, TOOL mag ich auch noch sehr, und SPIRAL ARCHITECT.
Res.: Manche sagen, ihr seid die Death Metal-Version von DREAM THEATER. Was meinst du zu dieser Aussage?
M. A.: Oja, das ist schon ein goßes Kompliment für uns! Vor einigen Jahren war ich selbst mal ein unglaublicher Fan von DREAM THEATER, denn sie sind ja auch eine wahnsinnig gute Band. Ich habe zwar seit ihren letzten Veröffentlichungen ein wenig das Interesse an ihnen verloren, aber soetwas zu hören, ehrt mich doch sehr.
Res.: Ok, wir sind am Ende angelangt. Vielen Dank Mikael, für das Interview, alles Gute weiterhin und viel Erfolg für die Zukunft! Kommt bald wieder nach Österreich!
M. A.: Ich danke dir auch, aber ich bin mir nicht sicher, schließlich haben wir heute erst hundert Tickets verkauft! (lacht) Nein, es würde mich freuen, bald wieder einmal herzukommen!
M.W. & E.M.P.