BANG YOUR HEAD
Balingen (D), Messegelände
27. & 28.06.2003

Das "Bang Your Head" ging 2003 nun schon in seine 8. Runde. Angefangen hat die Erfolgsgeschichte des BYH 1996, damals aber noch als eintägiger Hallen-Event. 1998 kam ein zweiter Tag hinzu und 1999 übersiedelte man dann aufs Balinger Messegelände unter freien Himmel. Dieser Schritt hat sich ausgezahlt, was stetig steigende Besucherzahlen (2002: 33.000) und der 2. Platz auf der Beliebtheitsskala der deutschen Festivalbesucher belegen. Gründe hierfür sind meiner Meinung nach das Vorhandensein von nur einer Bühne, die gute Organisation und die Buchung von un-/außergewöhnlichen Acts bzw. exklusiven Shows und Gastauftritten. Und dies sollte sich auch 2003 nicht geändert haben - bis auf einen Kritikpunkt: Bei den Presseakkreditierungen wurde geschlampt, da bei Nicht-Akkredierung (zum besseren Verständnis: Diese ist NICHT Grund der Kritik!) die betroffenen Medien einfach nicht verständigt, sondern nur immer wieder per Mail vertröstet wurden; und dies bis in die Festival-Woche. Und zu diesem Zeitpunkt war es natürlich nicht mehr möglich, sich Vorverkaufs-Tickets zu besorgen...
Freitag

DESTRUCTOR aus Cleveland/Ohio hatten die "Ehre", Freitag um 10 Uhr vormittags das BYH zu eröffnen. Musikalisch ging der Gig der Amis recht in Ordnung. Ihr simpler Thrash Metal wirkte zwar anno 2003 ein wenig angestaubt, aber die Band machte das mit Spielfreude wieder wett. Und mit ihrer - noch dazu recht unfreiwillig komischen - Optik. In die Jahre gekommene Metaller, im Falle des Drummers noch dazu mit Zierleiste, plus Nieten & Leder, muß das sein?

BITCH hatte ich noch aus meiner Jugendzeit in Erinnerung, wenn Frl. Betsy wieder einmal mit einer ihrer Scheiben Niedrigstbewertungen im Metal Hammer an Land gezogen hatte. Da der Auftritt Kultcharakter versprach, verblieb ich nach DESTRUCTOR gleich vor der Bühne. Was sich nicht unbedingt auszahlte, denn die Dame konnte weder mit ihrem antiquierten Metal musikalisch noch mit ihrem auf 18-jährige Tussi ausgelegten Styling optisch überzeugen. Nach den zwei ersten Bands des BYH 2003 bin ich mehr denn je der Meinung, daß man nicht unbedingt jeden Toten wieder zum Leben erwecken sollte...
AXXIS, die deutschen Melodic-Metaller, hatte das denkbar schlimmste Schicksal, was einer auf einem Open Air auftretenden Band widerfahren kann, erwischt: Ein Wolkenbruch. Dessen Beginn und Ende stimmte ziemlich genau mit der Spielzeit der Wuppertaler überein, sodaß es beinahe nach einer "Divine Intervention" aussah... Die Band ließ sich davon aber nicht beirren, rockte munter drauflos und dieser Funke sprang anscheinend auch aufs Publikum über, denn eine recht ansehnliche Menge ignorierte das von oben kommende Naß einfach und verblieb tapfer vor der Bühne. Auch das gehört zu einem Open Air dazu!
Als nächstes das norwegische Melodic-Urgestein T.N.T., die mich auch nicht wirklich vom Hocker hauen konnte. Gitarrist Ronnie LeTekro tat zwar sein menschenmöglichstes, um den Gig noch zu retten und zeigte dabei so nebenbei, daß er zu den besten gehörte, die an diesen beiden Tagen eine Sechssaitige in den Händen hielten, aber was nützte das, wenn unter anderem vor ihm ein Frontmann herumzappelte, der wie der Zwillingsbruder von "Metalla"-Verräter Markus Kavka aussah? Auch der Rest der Band konnte nicht recht überzeugen, was zur Folge hatte, daß der berühmte Funke nicht wirklich auf das Publikum übersprang.
Bei ANNIHILATOR sah die Sache dann aber ganz anders aus. Im Vorfeld war die Spannung schon groß, denn Jeff Waters hatte wieder einmal den Sänger ausgetauscht (diesesmal lt. Gerücht aus optischen(!) Gründen: Bei ANNIHILATOR muß man was "gleichschauen" und Comeau wäre zu sehr in die Breite gegangen)... Der Nachfolger des angeblich zu "fetten" Joe Comeau hört auf den Namen Dave Padden, stammt aus Vancouver, hat zuvor bei einer Band namens THEORY OF A DEAD MAN Gitarre gespielt und dürfte für die meisten von uns ein eher unbeschriebenes Blatt sein. Kaum zu glauben, aber der Mann kam quasi aus dem Nichts und brachte das Kunststück zuwege, uns seinen Vorgänger binnen einer Dreiviertelstunde vergessen zu machen! Stimmlich ähnlich variabel wie Comeau zuzüglich einer aggressiven Stage-Performance, die einfach besser zu einer Band wie ANNIHILATOR paßt. Dave Padden ist in der Lage, Songs aus allen Perioden der Band überzeugend zu interpretieren und ihnen gleichzeitig - in viel stärkerem Maße als Comeau! - eine eigene Note zu verleihen. Und der Mann bekam Gelegenheit, sich an einem ganzen Bündel ANNIHILATOR-Klassiker zu versuchen: "King of the kill", "Refresh the demon", "Phantasmagoria", "Never, neverland" und dem abschließenden "Alice in hell" (endlich ist "Shallow grave" von dieser Position im Set entfernt worden!). Dazwischen "The blackest day" und das alles zerstörende "Ultra motion" vom aktuellen "Waking the fury"-Album. Im Grunde eigentlich nichts anderes als eine abgespeckte "Best Of"-Version der letzten Tourneen, aber diese verfehlte ihre Wirkung nicht und erzeugte das erste mal an diesem Freitag Moshpits im Publikum. Aber was die Wahl des Openers angeht, so scheint Jeff Waters´ Phase der geistigen Umnachtung anscheinend noch immer nicht abgeklungen zu sein: Wars auf der letzten Tour noch "Murder" vom umstrittenen "Remains"-Album, so platzierte Waters diesmal "The box"(!) von "King of the kill" an erster Stelle der Setlist... Zwar in einer zugegebenermaßen extrem fiesen Version, aber nicht nur für mich war dann das nachfolgende "Ultra motion" der wahre Opener. Aber nun genug der Herumnörgelei (naja, irgendwie hatte ich dann schon noch auf ein "Human insecticide" spekuliert... ;-), denn alles in allem waren für mich ANNIHILATOR die beste Band des BYH 2003.
Band
Und wieder einmal HAMMERFALL. Ich muß es ganz ehrlich zugeben, mittlerweile gehen mir die Schweden ähnlich wohin wie STRATOVARIUS. Und so kehrte ich nach ein paar Songs der Bühne, auf der HAMMERFALL ihr mittlerweile zur Routine gewordenes Standard-Programm abspulten, den Rücken. Der Masse scheints ja (noch) zu gefallen, aber ob HAMMERFALL ewig mit der Masche durchkommen? (J. S.)
Nach dem guten HAMMERFALL-Gig wartete schließlich der fast vollständig angerückte BYH-Mob auf den Freitags- Headliner DIO. Und das mit gutem Recht. Denn wer den Altmeister schon einmal live bewundern durfte, der weiß, daß man eigentlich gar nichts anderes als eine einmalige Show von ihm erwarten kann. Denn was Ronnie James Dio auch in hohem Alter noch zu Wege bringt, das soll ihm so manch Jungspund erst einmal versuchen nachzumachen. Und all diesen Vorschußlorbeeren wurde der kleine Mann mit der grandiosen Stimme mit völliger Leichtigkeit gerecht. In seiner mitreißenden Headliner-Show brachte DIO einen Querschnitt seiner einzigartigen Karriere. Die Songauswahl reichte von Songs seiner Solo-Band ("Killing the dragon", "Dream evil", "Evil eyes" "Holy diver", "The last in line", "We rock", "Rainbow in the dark" etc.) , Auszügen aus seiner RAINBOW-Ära ("Stargazer", "Man on a silver mountain", "Long live rock`n´roll") bis hin zu Dokumenten aus seiner Zeit bei BLACK SABBATH ("Mob rules", "Heaven and hell"). Das bei einer solchen Setlist und einem bestens aufgeheiztem Publikum eigentlich nichts mehr schiefgehen kann, braucht wohl nicht weiter angemerkt zu werden. Dazu präsentierte sich der Meister bestens bei Stimme und auch seine Band legte eine bravouröse Leistung auf die Festivalbühne. Und so wurde den Fans zum Abschluß des ersten Tages mit einem grandiosen, ca. 100 Minuten langem Gig, die Krone aufgesetzt. Und man konnte sich glücklich und zufrieden ins Partyzelt bzw. zur Clubshow begeben, um dem Abend ein würdiges Ende zu bereiten. (J. K.)
Samstag

Mit den aus L.A. stammenden HIRAX trat eine weitere Reunion-Band auf dem BYH auf. Und ich muß sagen, daß mich diese um einiges mehr als DESTRUCTOR, BITCH & ANGEL WITCH überzeugen konnte! HIRAX waren die einzige der vier Genannten, die nicht zu einem Abklatsch längst vergangener Zeiten verkommen sind und sich als eine auch im Jahre 2003 ernstzunehmende und konkurrenzfähige Thrash-Band präsentierten. Lieferten die Mannen an den Saiteninstrumenten und an den Drums handwerklich und performancemäßig sehr gute Kost ab, so war es der Mann am Mikro, der HIRAX aus der Masse anderer Speed/Thrash-Combos herausstechen läßt: Der Farbige Katon W. De Pena überzeugte nicht nur durch seine etwas EXODUS-mäßige Stimme (irgendwo zwischen Steve Souza und Paul Baloff (R.I.P.)), sondern auch durch seine Fähigkeit, mit einem Publikum umzugehen, dieses mitzureißen und dabei nicht eine Sekunde lang den Eindruck zu erwecken, weniger als 100%ig hinter seiner Sache zu stehen. Davon will ich auf jeden Fall mehr!

ANGEL WITCH hingegen konnten in keiner Weise mit HIRAX konkurrieren. Der rührige Bandkopf und Dave Mustain-Lookalike Kevin Heybourne (v., g.) mühte sich zwar redlich ab, aber insgesamt gesehen war der NWOBHM-Sound der Briten einfach zu angestaubt, zu unspektakulär. Ich muß aber an dieser Stelle auch zugeben, daß ich mit dem Material der Band kaum vertraut bin.
BRAINSTORM waren auch eine der Bands, die schon 2001 für Furore sorgten und 2003 wieder ran durften. Und diesmal bewiesen sie mit einer energetischen Show erneut und in noch stärkerem Maße, daß sie mittlerweile die führende deutsche Power Metal-Band sind und auch europaweit schon sehr bald sehr weit oben mitmischen werden. (J. S.)
Auf OVERKILL habe ich mich - wie eigentlich immer auf Festivals - auch sehr gefreut und sollte der Fünfer aus N.Y. meine Erwartungen nicht enttäuschen. OVERKILL legten einen astreinen, mitreißenden Gig hin, der für solche Open Airs wie geschaffen scheint. Höhepunkte waren das stürmisch geforderte "Bastard nation" und - natürlich - "In union we stand", inklusive gänsehauterzeugendem Mitsingteil. Eine der besten Performances auf dem BYH 2003! (J. S.)
Nach den Thrash-Ikonen OVERKILL war es wieder einmal an der Zeit für "Metalgott" Udo Dirkschneider, der Meute so richtig einzuheizen! Und das erledigte die quietschlebendige Legende mit purer Leichtigkeit. Schon beim Opener "Man and machine" schien das Publikum fast auszuflippen. Und das sollte nur der Anfang sein. Während des wie immer genialen Gigs, bei dem UDO den Fans eine Mixtur aus Songs seiner Solokarriere und einer Vielzahl von ACCEPT-Klassikern zum Fraß vorwarf, kam eine derartig überschwengliche Stimmung auf, die nur mehr von TWISTED SISTER getoppt werden konnte. Bei Granaten wie "Metal heart", "Princess of the dawn", "Balls to the wall", "I‘m a rebel" (ewig nicht live gehört!) sowie zum Abschluß "Fast as a shark" erreichte die Stimmung ihren Höhepunkt. Und wo man auch hinsah, waren am Ende nur noch abgekämpfte, jedoch sehr glückliche Metalheads zu sehen, die sich fragten, wo sie nach dieser Vollbedienung noch die Kraft für die noch ausstehenden Gigs nehmen sollen... Doch die Antwort sollten sie noch in Form einer puren metallischen Vollbedienung erhalten! ;-)
Nachdem schon, wie zwei Jahre zuvor, Dee Snider mit seiner Band das BYH dermaßen aufmischte, daß selbst Stunden nach dem mehr als legendären Gig hunderte Metalfans "We‘re not gonna take it" zum Besten gaben, war vor dem Auftritt der originalen SISTERS die Spannung kaum zu überbieten. Jeder wollte TWISTED SISTER im Original-Line Up bewundern, und jeder fragte sich, wie die alten Herren wohl ihre Aufgabe erledigen werden. Doch jegliche Sorge das Mendoza, French und Co. über die Jahre etwas verlernt haben könnten, erwies sich als unbegründet. Nach dem klassischen Intro mit AC/DCs "It‘s a long way to the top" startete die Band mit "What you don‘t know" als Opener gleich voll durch. Und von erstem Ton an strahlte die Band eine Magie aus, die sofort auf das Publikum übertragen wurde. TWISTED SISTER klangen gut, nein sie klangen phantastisch und was dann kam, ließ selbst die hartgesottensten Metaller des Festivals nicht kalt. Snider und Co. Ließen ein Feuerwerk vom Stapel, das den Fans massenweise die Tränen in die Augen trieb. Eine schier unglaubliche Setlist wurde Song für Song in das tobende Publikum gedonnert. "Burn in hell", "Under the blade", "You can‘t stop rock`n‘roll", "Shoot `em down", "The kids are back", "Stay hungry", "Destroyer", "I wanna rock", "The price" uvm. TWISTED SISTER präsentierten sich in einer unglaublichen Spiellaune und das noch unglaublichere Publikum veredelte diesen Abend zusätzlich. Bei "We‘re not gonna take it" fühlte die Band sich gezwungen, den Refrain gleich mehrmals neu zu beginnen, da die Meute in jeder Songpause erneut damit begann, besagten Refrain in die Sommernacht zu brüllen. Bei "I wanna rock" war es dann schließlich endgültig soweit, daß die Fans die Band absolut übertönten und zeitweise sah man einen völlig wortlosen Dee Snider auf der Bühne stehen und sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischen... Die Zugaben "Come out and play" und "S.M.F.", bei dem ein großes Feuerwerk gezündet wurde, endeten als Triumphzug der Band, die sich und allen Anwesenden einen unvergeßlichen Abend bereitete. Mit diesem Auftritt schafften sie meiner Meinung nach sogar das schier unmögliche und toppten den Wahnsinns-Gig von 2001! I‘m a sick motherfucker!!! (J. K.)
Abschließend bleibt nur noch zu sagen, daß auch 2003 wohl kaum jemand enttäuscht nach dem BHY nach Hause gefahren sein dürfte. Solche Qualität, was Organisation, Bandauswahl & Fanfreundlichkeit angeht, findet man anscheinend nur in Balingen. Und ich bin mir sicher, daß sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird! (J. S.)

J.K. & J.S.