Dio & FIRESTORM
Graz, Orpheum
19.09.2002

Die Stimme des klassischen Hardrock schlechthin, Ronnie James Dio, gab zum ersten Mal eine Audienz in Graz. Daß man so etwas nicht versäumen durfte, lag auf der Hand: Schließlich gibt es viel zu selten Lichtblicke dieser Art in unseren Breiten. Ähnlich sah das auch das Publikum, das in Scharen ins Orpheum gepilgert war. Ganz nach dem Motto: "Never trust the song police, they won't tell you what you're gonna hear again!" Hand aufs Metallherz: Spricht uns diese Textzeile aus dem neuesten Dio-Smasher "Rock`n´roll" nicht zutiefst aus der Seele?
Einmal, nämlich bei der Vorband des großen kleinen Drachentöters, hätte die Muckerpolizei allerdings stante pede eingreifen müssen. Vergehen: Schwere Folter von 500 bis 600 unschuldigen Augen- und Ohrenpaaren. Tatwaffe 1: Abstruser Klangbrei aus mies gespieltem Melodic Rock und Soft Goth-Geheule à la H.I.M. Tatwaffe 2: Outfit irgendwo zwischen Captain Future und schwer zerronnener Black Metal-Schmierage. Leicht mildernder Umstand: Halbwegs gelungenes Cover des DURAN DURAN-Klassikers "Wild boys". Urteil: Lebenslängliche Verbannung aus sämtlichen Metallergedächtnissen! Und auch ihr vergeßt bitte ganz schnell wieder, daß diese Komikertruppe aus Wien kommt (Irrtum, die kommen aus Laa/Thaya und sind ganz sicher keine Komikertruppe - J. S.) und FIRESTORM heißt. Oder bald geheißen hat... (P. Z.)
Nach dieser Unsäglichkeit hieß es warten auf den Meister. Und der ließ sich nicht lange Zeit: Nach kurzem, mystischen Intro wuchtete Dio den Titeltrack des aktuellen Albums "Killing the dragon" in die Meute. Und es folgte gleich einmal eine handfeste Überraschung: "Children of the sea" aus alten BLACK SABBATH-Tagen stand auf der Setlist und wurde von den zahlreichen älteren Semestern (und nicht nur von diesen) jubelnd aufgenommen. (Die noch größere Überraschung war aber, daß "Children of the sea" quasi eingebettet war in "Egypt (the chains are on)". Der Closer von "The last in line" war bestimmt seit Jahrhunderten auf keiner Dio-Setlist mehr! - P. Z.) Überhaupt war das Durchschnittsalter der Fans an diesem Abend deutlich höher angesiedelt als bei sonstigen Metal-Gigs. (Na net nana... - J. K.) Noch ein Knaller folgte auf dem Fuße, nämlich das geniale "Don't talk to strangers". Im Anschluß kamen alle Schlagzeuger auf ihre Kosten, als Drummer Simon Wright (ex-AC/DC) ein Solo runterkloppte. Braucht man so was wirklich? (Nein! - P. Z.) Nun gut, egal, gehört scheinbar dazu. Abgesehen davon waren die Musiker (unter ihnen Basser Jimmy Bain, der mit Ronnie schon bei RAINBOW gezockt hatte) perfekt aufeinander eingespielt und überzeugten mit jeder Menge Spielfreude. Insbesondere der "Holy diver"-Ära wurde viel Platz eingeräumt, was man schon am überdimensionalen Backdrop erkennen konnte. Klassiker wie der Titelsong oder das als allerletzte Zugabe gespielte "Rainbow in the dark", bei denen inbrünstig mitgesungen und mitgebangt wurde, lassen wohl keinen kalt. (Im Gegenteil *schwitz*! Aber auch die zweite Riesenüberraschung des Abends hast vergessen, lieber Wechti: Wer bitte hätte mit "Stand up and shout" gerechnet? - P. Z.) Zwischendurch war es wieder einmal Zeit für ein Solo, diesmal auf Doug Aldrichs Gitarre. Und das war angesichts der Spielzeit von "nur" 95 Minuten schon etwas zu sehr in die Länge gezogen! Ein Glück, daß das der einzige negative Aspekt des Abends bleiben sollte. Denn das restliche Programm bestand aus einer sehr gelungenen Mischung aus aktuellem Material von "Killing the dragon" und "Magica" und noch mehr alten Klassikern wie etwa "The last in line". Aus RAINBOW-Tagen kamen "Man on the silver mountain" (Killer!) und "Long live rock`n´roll" zum Zug, und die BLACK SABBATH-Ära wurde mit "The mob rules" und "Heaven and hell" gewürdigt. Letzteres Glanzstück aus seiner Zeit bei Tony Iommi & Co. stellte wohl den absoluten Höhepunkt des Abends dar. Nur von unten mit rotem Licht bestrahlt, wirkte Dio bei "Himmel und Hölle" beinahe wie der Leibhaftige. (Am wichtigsten ist aber, daß Ronnie nach wie vor mit seiner Musik punktet. Und im Gegensatz zu seinem abgewrackten BLACK SABBATH-Vorgänger in keiner MTV-Shitcom um die Gunst einer verblödeten Teenie-Generation buhlen muß! - P. Z.) Überhaupt gebrauchte Dio oft und gerne das Evil-Zeichen, und voll motiviert spornte er die Fans zu Höchstleistungen an. Und die dankten es ihm mit phantastischen Reaktionen! Daß der kleingewachsene Amerikaner seit Jahrzehnten stimmlich an vorderster Front angesiedelt ist, weiß man ja inzwischen. Aber daß er auch nach ausgiebiger US-Tour noch keinerlei Ermüdungserscheinungen gezeigt hat, verwundert doch etwas in seinem Alter. Großartig! (M. W.)

M. W. & P. Z.