In der Umbaupause wurde dann eifrig spekuliert: "Maaa, wenn sie doch
endlich einmal 'Mother Russia' bringen!" - "Von mir aus
können sie die ganze 'Seventh son' durchspielen!" - "Nix da,
es ist wieder einmal Zeit für einen amtlichen 'Prowler'!" Scheffe
Jürgen, wie immer bestens informiert, wußte hingegen über
die Setlist schon bestens Bescheid. "MAIDEN werden einen Song spielen,
den eine im wahrsten Sinne des Wortes nahe liegende Band schon gecovert
hat...", orakelte unser Metal-Inspektor und gefiel sich in der Rolle
des kryptischen Rätselonkels.
Alles andere als ein Rätsel war hingegen, was der Opener der
"Gimme Ed...'til I'm dead!"-Show sein würde. Als knapp vor
20.45 das Licht ausging und vom Band das wohlbekannte "Woe to you, oh
earth and sea..." ertönte, ging ein Ruck durch die versammelte
Bangerschaft. Und als IRON MAIDEN zu den Tönen von "The number of
the beast" auf die Bühne stürmten, gab es kein Halten mehr.
Bereits am Ende des wohl populärsten Songs der Eisernen Jungfrauen
(beim Refrain stilecht untermalt von drei riesigen blinkenden Sechsern) war
mein "Brave new world"-Shirt vollkommen durchgeschwitzt. Ich
hätte mir nicht gedacht, daß der bisher schweißtreibendste Gig
meines Lebens (SAXON & BRAINSTORM am 04.04.2003 im Salzburger Rockhouse)
so schnell getoppt werden würde.
Nach einem ebenfalls begeistert aufgenommenen "The trooper" war
erst einmal Zeit für eine kurze Verschnaufpause. Bruce Dickinson
nützte die Zeit für eine herzliche Begrüßung und ein
bisserl Werbung für das neue Album "Dance of the dead", das
im September erscheinen sollte (mit "Wildest dreams" kam
später dann auch ein neuer, recht vielversprechender Song zum Einsatz).
Als er jedoch plötzlich von "Ancient Egyptian gods" zu
erzählen begann, ging ein erwartungsvolles Raunen durch die Menge:
MAIDEN werden doch wohl nicht "Powerslave" ausgegraben haben?
Nein, es kam noch besser: "Revelations" feierte seine Auferstehung
und wurde mit Bruce als Zeremonienmeister bis in die hinteren Reihen mit
begeisterten "Yeeeeeeeah"-Chören gefeiert. "Live after
death" revisited...
Aber damit nicht genug: Mit "Die with your boots on und vor allem
"22 acacia avenue" (Danke Jürgen, es waren STYGMA IV!) kamen
zwei weitere lang vernachlässigte Klassiker aus den frühen
Achtzigern zu Live-Ehren. Und das im Schnitt erstaunlich junge Publikum nahm
sie auf wie den berühmten Schluck Wasser in der (ägyptischen?)
Wüste! Bezeichnenderweise nahm aber die Stimmung auch nicht ab, als
anschließend das "Brave new world"-Backdrop aufgezogen wurde
und IRON MAIDEN "The wicker man" und den Titeltrack ihres (gerade
noch) aktuellen Albums zum Besten gaben. Ist ja auch kein Wunder:
Schließlich sind vor allem die Refrains dieser beiden Nummern wie
geschaffen zum Mitgrölen!
Heimlicher Höhepunkt des Abends war allerdings ausgerechnet ein Song
aus der ungeliebten Blaze Bayley-Ära. Das fast zehnminütige
Schottland-Epos "The clansman" war mit Bruce Dickinson am Mikro
schon vor drei Jahren in der Libro Hall ein Ohrenschmaus sondergleichen. Und
so war es auch diesmal! Auch wenn der athletische Mittvierziger leider nicht
nur bei diesem Song die ganz hohen Töne nicht immer richtig traf.
Angesichts der Agilität und Spielfreude nicht nur von ihm, sondern auch
der restlichen fünf Bandmitglieder fiel das aber kaum ins Gewicht.
Jetzt macht es sich eben bezahlt, daß IRON MAIDEN im Gegensatz zu so
manchen Alterskollegen auf Drogen fast immer verzichtet haben!
Dafür bekamen aber die Metal-süchtigen Junkies in der
Stadthallen-Sauna ihre musikalischen Drogen gleich kiloweise verabreicht.
Darunter mit "Heaven can wait" endlich wieder eine Nummer vom
"Somewhere in time"-Album, das auf der letzten Tour sträflich
vernachlässigt worden war. Bei diesem Song demonstierten IRON MAIDEN
wieder einmal ihre Nähe zu den Fans: Ungefähr 20 Auserwählte
aus dem Publikum durften auf die Bühne kommen und Backgroundsänger
spielen. Und noch jemand kam auf die Bühne: Ein
überlebensgroßer "King Edward the Great" gab
während "The clairvoyant" seine Audienz. Und obwohl der
kultige Zombie wie immer etwas wackelig auf den Beinen war, wurde ihm aus
dem Publikum lautstark gehuldigt. Long live the king!
Plötzlich war es völlig dunkel auf der Bühne. Nur ein
einsamer Scheinwerfer schien auf Bruce Dickinson herab. Der meinte
lässig: "I think I'm gonna blow it out!", blies ins Mikro,
und aus war das Licht. Kult! Zum Fürchten war allerdings wohl keinem
zumute. Obwohl anschließend die gesamte Stadthalle lautstark
behauptete, "Fear of the dark" zu haben... Anyway, nach diesem
Gänsehaut-Klassiker meinten viele, nicht richtig gehört zu haben:
Schon ertönte die Bandhymne "Iron maiden" von der Bühne,
die kurz darauf leer und in gespenstisch blaues Licht getaucht war. Das kann
doch noch nicht alles gewesen sein? "MAIDEN, MAIDEN, MAIDEN,
MAIDEN...!!!"
Zum Glück erhörten die Metal-Götter aber diese lautstarken
Gebete und schickten uns IRON MAIDEN für drei Zugaben zurück auf
die Bühne. "We will be back about September!" kündigte
Bruce Dickinson an und fügte schmunzelnd hinzu: "And if you have a
daughter, be sure that she is well locked up!" Keine Frage, es war Zeit
für Überraschung Nummer vier: "Bring your daughter...to the
slaughter" wurde von der Band als Hintergrund für ein
amüsantes Mitsing-Spielchen genutzt. Danach gings aber wieder hart auf
hart: "Two minutes to midnight" (puuuh, doch noch was von der
Powerslave) und ein energisches "Run to the hills" beschlossen
einen fast zweistündigen Set, der zum Besten gehörte, was ich je
auf dem metallischen Live-Sektor erleben durfte. Good bye, MAIDEN, and see
you again in September!