IRON MAIDEN & MURDERDOLLS
Wien, Stadthalle
08.06.2003

Eine eigene Tour VOR dem Release des nächsten Studioalbums? Werden IRON MAIDEN da womöglich einige noch nie oder schon lange nicht mehr gespielte Klassiker aus der Schatztruhe zaubern? Das hoffte wahrscheinlich der Großteil der knapp 4000 Fans, die am Pfingstsonntag in die Wiener Stadthalle pilgerten. Auf Grund der subtropischen Temperaturen steuerten jedoch die meisten gleich den hoffnungslos überfüllten Bierstand an. Logische Folge: Der Support-Act MURDERDOLLS "durfte" vor einer fast leeren Stadthalle spielen. Das lag aber wahrscheinlich auch im relativ unspektakulären Songmaterial begründet (schön langsam frage ich mich ernsthaft, ob die eisernen Jungfrauen vielleicht zu feig sind, um einen richtigen Metal-Act als Support mitzunehmen?! - J. S.).
In der Umbaupause wurde dann eifrig spekuliert: "Maaa, wenn sie doch endlich einmal 'Mother Russia' bringen!" - "Von mir aus können sie die ganze 'Seventh son' durchspielen!" - "Nix da, es ist wieder einmal Zeit für einen amtlichen 'Prowler'!" Scheffe Jürgen, wie immer bestens informiert, wußte hingegen über die Setlist schon bestens Bescheid. "MAIDEN werden einen Song spielen, den eine im wahrsten Sinne des Wortes nahe liegende Band schon gecovert hat...", orakelte unser Metal-Inspektor und gefiel sich in der Rolle des kryptischen Rätselonkels.

Alles andere als ein Rätsel war hingegen, was der Opener der "Gimme Ed...'til I'm dead!"-Show sein würde. Als knapp vor 20.45 das Licht ausging und vom Band das wohlbekannte "Woe to you, oh earth and sea..." ertönte, ging ein Ruck durch die versammelte Bangerschaft. Und als IRON MAIDEN zu den Tönen von "The number of the beast" auf die Bühne stürmten, gab es kein Halten mehr. Bereits am Ende des wohl populärsten Songs der Eisernen Jungfrauen (beim Refrain stilecht untermalt von drei riesigen blinkenden Sechsern) war mein "Brave new world"-Shirt vollkommen durchgeschwitzt. Ich hätte mir nicht gedacht, daß der bisher schweißtreibendste Gig meines Lebens (SAXON & BRAINSTORM am 04.04.2003 im Salzburger Rockhouse) so schnell getoppt werden würde.

Nach einem ebenfalls begeistert aufgenommenen "The trooper" war erst einmal Zeit für eine kurze Verschnaufpause. Bruce Dickinson nützte die Zeit für eine herzliche Begrüßung und ein bisserl Werbung für das neue Album "Dance of the dead", das im September erscheinen sollte (mit "Wildest dreams" kam später dann auch ein neuer, recht vielversprechender Song zum Einsatz). Als er jedoch plötzlich von "Ancient Egyptian gods" zu erzählen begann, ging ein erwartungsvolles Raunen durch die Menge: MAIDEN werden doch wohl nicht "Powerslave" ausgegraben haben? Nein, es kam noch besser: "Revelations" feierte seine Auferstehung und wurde mit Bruce als Zeremonienmeister bis in die hinteren Reihen mit begeisterten "Yeeeeeeeah"-Chören gefeiert. "Live after death" revisited...

Aber damit nicht genug: Mit "Die with your boots on und vor allem "22 acacia avenue" (Danke Jürgen, es waren STYGMA IV!) kamen zwei weitere lang vernachlässigte Klassiker aus den frühen Achtzigern zu Live-Ehren. Und das im Schnitt erstaunlich junge Publikum nahm sie auf wie den berühmten Schluck Wasser in der (ägyptischen?) Wüste! Bezeichnenderweise nahm aber die Stimmung auch nicht ab, als anschließend das "Brave new world"-Backdrop aufgezogen wurde und IRON MAIDEN "The wicker man" und den Titeltrack ihres (gerade noch) aktuellen Albums zum Besten gaben. Ist ja auch kein Wunder: Schließlich sind vor allem die Refrains dieser beiden Nummern wie geschaffen zum Mitgrölen!

Heimlicher Höhepunkt des Abends war allerdings ausgerechnet ein Song aus der ungeliebten Blaze Bayley-Ära. Das fast zehnminütige Schottland-Epos "The clansman" war mit Bruce Dickinson am Mikro schon vor drei Jahren in der Libro Hall ein Ohrenschmaus sondergleichen. Und so war es auch diesmal! Auch wenn der athletische Mittvierziger leider nicht nur bei diesem Song die ganz hohen Töne nicht immer richtig traf. Angesichts der Agilität und Spielfreude nicht nur von ihm, sondern auch der restlichen fünf Bandmitglieder fiel das aber kaum ins Gewicht. Jetzt macht es sich eben bezahlt, daß IRON MAIDEN im Gegensatz zu so manchen Alterskollegen auf Drogen fast immer verzichtet haben!

Dafür bekamen aber die Metal-süchtigen Junkies in der Stadthallen-Sauna ihre musikalischen Drogen gleich kiloweise verabreicht. Darunter mit "Heaven can wait" endlich wieder eine Nummer vom "Somewhere in time"-Album, das auf der letzten Tour sträflich vernachlässigt worden war. Bei diesem Song demonstierten IRON MAIDEN wieder einmal ihre Nähe zu den Fans: Ungefähr 20 Auserwählte aus dem Publikum durften auf die Bühne kommen und Backgroundsänger spielen. Und noch jemand kam auf die Bühne: Ein überlebensgroßer "King Edward the Great" gab während "The clairvoyant" seine Audienz. Und obwohl der kultige Zombie wie immer etwas wackelig auf den Beinen war, wurde ihm aus dem Publikum lautstark gehuldigt. Long live the king!

Plötzlich war es völlig dunkel auf der Bühne. Nur ein einsamer Scheinwerfer schien auf Bruce Dickinson herab. Der meinte lässig: "I think I'm gonna blow it out!", blies ins Mikro, und aus war das Licht. Kult! Zum Fürchten war allerdings wohl keinem zumute. Obwohl anschließend die gesamte Stadthalle lautstark behauptete, "Fear of the dark" zu haben... Anyway, nach diesem Gänsehaut-Klassiker meinten viele, nicht richtig gehört zu haben: Schon ertönte die Bandhymne "Iron maiden" von der Bühne, die kurz darauf leer und in gespenstisch blaues Licht getaucht war. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein? "MAIDEN, MAIDEN, MAIDEN, MAIDEN...!!!"

Zum Glück erhörten die Metal-Götter aber diese lautstarken Gebete und schickten uns IRON MAIDEN für drei Zugaben zurück auf die Bühne. "We will be back about September!" kündigte Bruce Dickinson an und fügte schmunzelnd hinzu: "And if you have a daughter, be sure that she is well locked up!" Keine Frage, es war Zeit für Überraschung Nummer vier: "Bring your daughter...to the slaughter" wurde von der Band als Hintergrund für ein amüsantes Mitsing-Spielchen genutzt. Danach gings aber wieder hart auf hart: "Two minutes to midnight" (puuuh, doch noch was von der Powerslave) und ein energisches "Run to the hills" beschlossen einen fast zweistündigen Set, der zum Besten gehörte, was ich je auf dem metallischen Live-Sektor erleben durfte. Good bye, MAIDEN, and see you again in September!

P. Z.