AYREON - "The human equation"
InsideOut/edel
Opulente Klangmonumente höchsten Anspruchs sind wir vom holländischen Meister Arjen Lucassen schon seit Jahren gewohnt. Wie immer haben wir es auch diesmal mit einem herausragenden Konzepalbum zu tun, das nach den beiden Fantasy-Epen "The dream sequencer" und "The universal migrator" gar am Thron des übermächtigen 98er-Werks "Into the electric castle" zu kratzen vermag. Es handelt sich beim aktuellen Output jedoch zum ersten male nicht um eine Fantasy-Story, sondern könnte beinahe eine reale Geschichte sein. Zudem hat Mr. Lucassen eine Handvoll Sänger/innen um sich geschart, die noch nie auf einer der vorherigen Scheiben zu hören waren. Die Story handelt von einem egoistischen Karrieremann ("ME"-James LaBrie), der sich nach einem mysteriösen Autounfall im Krankenhaus befindet und an dessen Seite seine Frau (Neuentdeckung Marcela Bovio von der mexikanischen Band ELFONIA) und sein bester Freund (Lucassen) über ihn wachen. Während seines Komas holt den Mann allerdings seine Vergangenheit ein, und er muß sich den verdrängten Emotionen seines Lebens stellen, welche von perfekt besetzten Gesangsrollen durch die folgenden Sänger/innen dargestellt und hervorragend gesungen werden: Eric Clayton (as Reason), Heather Findlay (as Love), Mikael Akerfeldt (stellt als Fear unter Beweis, wie vielseitig seine Stimme wirklich ist), Magnus Ekwall (as Pride), Mike Baker (as Father), Irene Jansen (as Passion), Devon Graves (as Agony) und der wie immer phantastische Devin Townsend als Rage. Unter dieser Voraussetzung entpuppt sich "Die menschliche Gleichung" als eine exzellent arrangierte Rockoper, da sich die Frontleute von DREAM THEATER, OPETH, SAVIOUR MACHINE, DEAD SOUL TRIBE, SHADOW GALLERY und den anderen in ihrer Gesangsleistung nicht auf einzelne Songs beschränken, sondern in wechselnder Konstellation in Dialog miteinander treten. Der Doppeldecker geht über eine Länge von knapp über 100 Minuten, und über die Dauer von insgesamt 20 Tagen, sprich Songs, steuert die sehr dramatische und spannende Geschichte ihrem furiosen Finale entgegen, denn musikalisch wie textlich bildet "The human equation" erneut eine unweigerliche Einheit. Auch im instrumentalen Bereich entdeckt man bekannte Namen, neben Ed Warby (d.) erfreuen URIAH HEEP-Urgestein Ken Hensley und Oliver Wakeman an den Keyboards das Prog-Herz mit warmen, in seeliger 70er-Reminiszenz schwelgenden Keyboard- und Hammondorgelteppichen sowie barock anmutenden Spinettklängen, die den Kompositionen eine unwahrscheinliche Tiefe geben und auf denen die breitangelegten Emotionen daherschreiten können. Daneben geben sich noch der Violinist Robert Baba, die Cellistin Marieke van der Heyden, Streicher, Flötenspieler und sogar ein Didgeridoo die Ehre. Es ist diese fast schon unheimliche Gabe Lucassens, eine nahezu flächendeckende Bandbreite rockiger Klänge abzudecken: Neben brettharten Metal-Riffs und Townsends Growls gibts akustische, relaxte Parts, wunderschöne Melodien, wechselnde Dynamik und taktisch klug gesetzte Spannungsbögen. Obwohl man sich das komplette Werk an einem Stück zu Gemüte führen sollte, bieten sich doch genügend Nummern an, die auch für sich alleine stehend erwähnenswert wären: "Day 3: Pain" - düster und hochdramatisch. Ein sphärischer Rückblick in Kindheit und Schulzeit ab "Day 6". "Day 7: Hope" - eine sympathische, nostalgische Gefühle hervorrufende Nummer. Die Singleauskoppelung "Day 11: Love" als Schluß der ersten CD. Der zweite Teil beginnt viel düsterer, vom Verrat über Betrug und Ehebruch ist in der Story alles dabei. Aber auch hier gibts positive, folkloristische Nuancen wie "Day 16: Loser". Zum Grande Finale hin ab "Day 19: Disclosure" scheint die Welt wieder heil. Ein Glück - vor allem, wenn man dieses Album sein Eigen nennt!
Natürlich ist auch "The human equation" wieder so ein Album geworden, das live nicht zu realisieren sein wird. Aufgrund seiner hervorragenden Besetzung und der kompositorischen sowie musikalischen Klasse jedoch nur wärmstens zu empfehlen! Prog Rock-Highlight des Jahres. - M. W.